aktuelle Predigt


 

Predigt im Oktober 2022: Erntedank

 

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,

drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

 

Der Dichter unseres Lieds, Matthias Claudius, war ein dankbarer Mensch trotz schwierigsten Umständen. Dankbare Menschen sind sympathisch. Man hat sie gern, die Menschen, die von Herzen Danke und Merci sagen. Es gibt Leute, die sogar noch spontan danken, wenn ihnen der Polizist einen Strafzettel in die Hand drückt. Aber so weit muss man nicht gehen…

 

Bei vielen hat sich das Danken zu einem Bedürfnis entwickelt, weil sie gemerkt haben: Danke sagen zu können, ist etwas Wohltuendes. Erst wenn ich Danke sage, wird es mir so richtig bewusst, dass ich etwas Gutes, etwas Schönes erhalten habe. Erst mit dem Danken packe ich erst richtig das Geschenk des Lebens bewusst aus und geniesse es.

 

In diesen Tagen danken wir Gott für die Ernte. Es ist alles recht gut gekommen. Der Sommer war unendlich lange und schön, aber das Wasser fehlte. Es war viel zu trocken. Und wenn es Niederschläge gab, dann häufig in Form von Hagel. Gleichwohl sind wir dankbar. Heute steht in der Erntedank-Dekoration u.a. das Thema Wasser im Vordergrund. Wir leben an einem Ort, an dem es noch genug Wasser hat. Gott sei Dank! Wir sind überaus privilegiert hier in der Schweiz.

 

Das Jahr war wegen der Trockenheit wohl kein Superjahr, aber auch kein «abverheites». Wir können dankbar sein für das Korn und das Gemüse, den Wein und den Käse.

 

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,

drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

 

Matthias Claudius, der hier dankt, lebte vor mehr als 200 Jahren. Er erlebte unruhige Zeiten. Schon früh in seinem Leben hat er mit dem Tod Bekanntschaft gemacht. Seine Geschwister starben eines nach dem anderen und viel zu früh. Später lebte er mit seiner Familie immer am Rande der Armut. Und trotzdem strahlte er eine Dankbarkeit aus, die in seinen Gedichten zum Ausdruck kommt.

 

Es gibt Menschen, die es unheimlich schwer haben im Leben und trotzdem den Dank bewahren können. Muss man zuerst krank werden, um die Gesundheit zu schätzen? Zuerst alt werden, um der Jugend nachzutrauern? Zuerst allein sein, um die Gemeinschaft zu geniessen? Dank ist ein Zurückschauen. Das «Gott sei Dank», das uns manchmal spontan von den Lippen kommt, ist ein Rückblick auf eine Bewahrung oder auf eine erlebte Güte. Der Auslöser für dieses Gefühl und für den Wunsch, den Dank auszudrücken, ist die Gewissheit: Ich durfte es in Empfang nehmen, ohne es zu erarbeiten. Ich habe es erhalten, ohne es mir zu verdienen.

 

Wenn ich mir bewusst werde, was mir alles geschenkt wurde - Familie, Freunde und Gesundheit - wird mir klar, dass es die wesentlichen Dinge sind. Mein Glück hat mit Gütern zu tun, die ich nicht selbst erschaffen habe. Alles, was ich bin, mein Dasein hier und jetzt, mein Atem, mein Herzschlag, mein Denken verdanke ich nicht mir selbst. Und wenn mir etwas genommen wird, so bleibt mir immer noch genug zu danken.

 

Der Dank kostet uns nichts und ist gratis. Dank ist darum unendlich kostbar, weil er nicht zum Tauschgeschäft gehört. Wenn wir ihn verweigern, machen wir uns das Leben schwer, wenn wir ihm Raum geben, erleichtern wir uns das Leben und schaffen Boden für Vertrauen. Ja, wir leben gut. Das ist kein Grund zur Überheblichkeit und kein Grund sich zu schämen. Dafür dürfen wir Gott dankbar sein und dann unsere Verantwortung übernehmen und so unseren Teil zum Segen in der Welt beitragen.

 

Für die Menschen der Bibel war Danken die wichtige Tat gegen das Vergessen. Danken hilft das Gute, das Geschenkte wie auch das Erreichte, nicht zu vergessen, sondern zu achten und zu bewahren. Dankbare Menschen setzen sich auch dafür ein, dass andere Menschen etwas zu danken haben. So führt Dankbarkeit zur Verantwortung, zum Teilen und Helfen.

 

Unser Dasein ist letztlich ein Geheimnis, und unsere Welt ist eine Schatztruhe, die uns immer wieder zum Staunen bringt.

 

Nehmen wir ein gutes Stück Käse, und schauen wir auf den Weg, den er macht, bis er bei uns auf dem Teller landet. Da kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus:

 

Wie macht es die Kuh, dass sie aus dem Gras, das sie frisst, die richtigen Bausteine herausholt und die einen Bausteine zu Haut und Haar, zu Hörnern und zum Kuhschwanz wachsen lässt? Sie bekommt ja nur Gras und Salz! Wie weiß sie, welche Stoffe in die Hörner müssen und welche in die Milch?

Was macht die Kuh mit den vielen Bakterien, mit den guten, die sie braucht, was macht sie gegen die bösen, die ihr schaden? Was mit den guten und bösen Pilzen?

Was macht dann der Bauer mit der Milch? Wie macht er aus der Milch den goldenen Käse? Wie geht das mit den Pilzen, die da auch wieder mithelfen? Wer all das aufmerksam anschaut, der kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

 

Und das Staunen ist ja noch lange nicht fertig. Was passiert mit dem Käse in meinem Bauch?

Irgendjemand zerlegt den Käse in seine Bausteine. Irgendjemand nimmt daraus das Protein und macht daraus Muskeln, das Kalzium und baut daraus die Knochen, und das Fett, und das kommt natürlich an Bauch, als Notvorrat. Irgendjemand macht all das unglaublich Komplizierte in meinem Bauch. Ich jedenfalls kann nichts dazu beitragen. Sonst würde ich das Fett vielleicht eher verheizen als am Bauch ablagern.

Ich habe keine Ahnung, wie ich das mache, dass alle Atome an die richtigen Plätze kommen. Da bin ich nur ein blinder Passagier in einem wunderbaren Körper, den kein Mensch gemacht hat. Wir nennen dieses Wunderwerk im Bauch abschätzig «Verdauung» und nehmen sie nur wahr, wenn sie nicht funktioniert. Dabei ist sie ein Wunder, gerade wenn sie funktioniert!

 

Wer mit Gott wenig anfangen kann, staunt über die Natur und den Zufall. Wer Gott als Realität anschaut, staunt über den Schöpfer. Aber staunen tun beide. Das Staunen haben wir gemeinsam. Wer einen Adressaten hat für sein Staunen, bei dem kann aus dem Staunen aber noch einfacher Dank werden.

 

Aber braucht Gott unseren Dank überhaupt? Vielleicht nicht unbedingt, aber wir brauchen ihn. Für unsere Seele ist es wichtig, dass sie danken kann und dass man etwas von diesem Dank hört und spürt, wie das beim Singen und Beten passiert.

Amen.

 

Gebet

 

Gott, Quelle allen Lebens, so wie die Natur im Herbst zur Ruhe kommt

und neue Kräfte sammelt für den Frühling,

so brauchen auch wir in den Anforderungen und Überforderungen des Lebens

Zeiten der Erholung, Orte, wo wir aufatmen können,

Quellen, aus denen wir neuen Lebensmut schöpfen.

 

Den einen fällt es leicht, mit Belastungen und Anspannungen fertig zu werden,

andere zerbrechen unter der Last ihres Lebens.

Wenn wir mit unserer eigenen Kraft am Ende sind, wenn wir uns trotz vieler Menschen in unserem Inneren allein fühlen, und auch du, Gott, schweigsam geworden bist, dann lass uns erfahren, dass in Momenten grösster Dunkelheit das Hoffnungslicht Christi sichtbar werden kann.

 

Gott, wir sehnen uns nach einer Welt, in der Menschen respektvoll miteinander umgehen und Verantwortung füreinander übernehmen.

Wir sehnen uns nach einer Welt,

die von Gerechtigkeit geleitet ist und in der Frieden regiert.

Hilf uns etwas dazu beizutragen, dass diese Welt Gestalt annehmen kann.

 

Gott, wir bitten für all jene Menschen, die in Kriegsgebieten leben,

z.B. in Äthiopien. Wir denken besonders auch an die Menschen in der Ukraine, die unter einem unerträglichen Krieg leiden. Wir bitten darum, dass Russland zur Vernunft kommt und diesen unsäglichen Krieg beendet.

 

Gott, viele Menschen auf dieser Welt leben in erschreckender Armut, haben keinen Zugang zu sauberem Wasser oder leiden Hunger.

Es gibt keine Worte für dieses Elend.

Gott, zeige uns Wege auf, wie wir besser miteinander teilen können.

 

Gott, stille auch den Hunger unserer Seele. Du kennst unsere Sehnsucht nach Anerkennung und Zuwendung, nach Liebe und Geborgenheit.

Fülle unseren Mangel aus und mache uns freigiebig,

dass wir grosszügig von dem weitergeben können,

was du uns schenkst.

Amen.