aktuelle Predigt


Predigt im April 2022 (Palmsonntag / Goldene Konfirmation)

 

Ich möchte über ein bekanntes Bibelwort nachdenken, das für einige von euch vor 50 Jahren vielleicht auch der Konfirmationsspruch war. Dieser Vers kommt aus einem Brief des Apostels Paulus. Ich hoffe, dass dieses Bibelwort euch eine Hilfe für euren weiteren Lebensweg sein kann.

 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 1. Korinther 13,13

 

Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei bleiben für immer, aber das Wichtigste ist die Liebe.

 

Unsere Bibel wurde in den Ursprachen Hebräisch und Altgriechisch aufgeschrieben. Martin Luther, der unsere Bibel als einer der ersten ins Deutsch übersetzte, wählte für das altgriechische Ursprungswort «pistis» das Wort «Glaube». Das war keine besonders gute Entscheidung, denn dieses Wort ist überaus missverständlich. Das Wort «Glaube» hinkt in unserer Umgangssprache: Wer glaubt, der weiss nicht. Jetzt muss man wissen: Das altgriechische Ursprungswort für «Glaube» meint eigentlich zuerst «Vertrauen». Eigentlich müsste es nicht heissen: Ich glaube an Gott, sondern ich vertraue auf Gott – eine innere Gewissheit. Und in unserem Vers müsste stehen: Vertrauen, Hoffnung und Liebe! Mit dem Wort Vertrauen können wir sehr viel mehr beginnen. Vertrauen brauchen wir alle! Gottvertrauen! Vertrauen, liebe schon oder angehende Pensionierte, braucht ihr jetzt ganz besonders für die kommende Zeit:

·    Die einen freuen sich auf das Pensionsalter. Endlich kann man machen, was man schon lange machen wollte. Endlich den Hobbys frönen, die man lange zurückstellen musste.

·    Für die anderen ist der Abschied der Erwerbstätigkeit ein eher schwieriger Gedanke. «Ich bin mich gewohnt, am Morgen früh aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Ich habe immer enorm gern gearbeitet. Wie soll das jetzt weitergehen? Müssiggang liegt mir gar nicht!»

·    Und wieder andere wissen nicht recht, was sie jetzt erwartet. Sie nehmen einen Tag um den anderen.

Vertrauen braucht es, dass es gut kommt.

 

Vertrauen entwickelt sich in der Regel sehr früh im Leben. Die Psychologie nennt es das Urvertrauen. Die einen haben es überreichlich geschenkt erhalten, bei anderen hat sich eher ein Urmisstrauen aufgebaut. Aber das ist nichts, was sich nicht ändern liesse. Vertrauen lässt sich einüben. Das Gebet kann einem helfen.

Vertrauen kann man aber auch gewinnen, wenn man Dankbarkeit trainiert, wenn man lernt, sich nicht nur auf das Negative zu fixieren, sondern auch das Positive wahrzunehmen. Das aber ist harte Arbeit.

 

Die Hoffnung ist der zweite Wert, der für den Apostel Paulus für immer bleibt. Was machen wir, wenn wir keine Hoffnung mehr haben? Ich habe folgenden Spruch gelesen: «Der Optimist glaubt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Der Pessimist befürchtet, dass der Optimist damit Recht hat.» (Cabell Branch) Das ist sarkastischer Humor, und ein Spruch, der wenig Hoffnung versprüht. Wenn ich heute auf die Welt schaue, dann ist mir aber der Pessimist im Moment fast näher. Aber die Hoffnung darf nicht sterben, dass sich Dinge wieder zum Guten wenden können. Wir hoffen, dass dieser Krieg in der Ukraine ein Ende nimmt und Putin gestürzt wird. Wir hoffen auf ein Wunder! Wir hoffen, dass die Menschen in der Ukraine wieder in Frieden leben können. Die Hoffnung ist eine ganz entscheidende Lebensquelle! Hoffnung hat eine gewisse Verwandtschaft mit Vertrauen. Die Hoffnung ist aber im Gegensatz zum Vertrauen etwas, das auf ein Ziel hin gerichtet ist:

·    Ich hoffe, dass es gut kommt mit meinem Leben.

·    Ich hoffe, dass mich das Pensionsalter nicht überfordern wird.

·    Ich hoffe, dass ich mich gesundheitlich wieder erholen kann, wenn es mir schlecht geht.

·    Ich hoffe, ich kann mit meinem Geschwister bald wieder Frieden machen, mit dem ich mich wegen einer Kleinigkeit verkracht habe.

Hoffnung ist ein Lebenselixier!

 

Und jetzt kommen wir bereits zur Liebe. Die Liebe sei das Grösste und das Wertvollste, sagt der Apostel Paulus!

Was hat uns die Liebe heute zu sagen? Es gibt wohl kein komplizierteres und gleichzeitig kein wichtigeres Wort in unserem Leben. Die Liebe – das ist etwas enorm Vielschichtiges! Es ist ein Wort, das verschiedenste Assoziation weckt, und das ist auch gut so. Die Liebe kann man nicht abschliessend erklären: Sie ist ein Wunder, ein Geschenk, ein Geheimnis.

 

Was man aber sagen kann: Wenn wir Menschen um uns herumhaben, von welchen wir uns bedingungslos geliebt fühlen, so ist das wohl das grösste Geschenk, das man im Leben erhalten kann. Und wenn man selbst Menschen kennt, die man bedingungslos liebt, so ist auch das etwas unendlich Wertvolles. Bedingungslos – das ist jetzt ein wenig ein grosses Wort. Wer kann schon bedingungslos lieben, und wer wird schon bedingungslos geliebt? Ein klein wenig Bedingungen gibt es ja immer. Und gleichwohl: Der Gedanke, dass mich jemand akzeptiert, wie ich bin, auch mit meinen Fehlern und Schwächen, das ist doch etwas Grossartiges. In der Bibel wird uns von Gott gesagt, dass er uns in dieser Weise liebt: bedingungslos. Das könnte uns eine Vorlage für unsere zwischenmenschliche Liebe geben. Das bedeutet ja nicht, dass wir nicht ständig dazu lernen wollen, uns entwickeln wollen und an unseren Fehlern und Schwächen arbeiten.

 

Die Liebe, sie ist das Grösste. Ich wünsche euch, liebe Leute der Goldenen Konfirmation und allen anderen, dass ihr euch gute Beziehungen bewahren könnt, in welchen viel Liebe spürbar ist. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, wieder alte Beziehungen aufzufrischen oder ganz neue Freundschaften zu gewinnen. Das wünsche ich euch von Herzen.

 

Liebe im ganz normalen zwischenmenschlichen Leben heisst für mich auch: Respekt und Anstand. Dass man andere Menschen respektiert, auch wenn sie anders sind als wir selber, anders denken als wir, und es bedeutet für mich auch, dass man vorurteilsfrei auf Menschen zugeht, die man noch nicht kennt.

 

Ich schliesse mit einem biblischen Wort, in welchem auch gesagt wird, dass die Liebe das Grösste ist und die Erfüllung aller Gebote. Es ist auch das, was Jesus gepredigt hat: «Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft, und deinen Mitmenschen wie dich selbst.» (3. Mose 19,18) Amen.

 

 

Gebet:

Gott, Urgrund allen Lebens. Du hast uns geschaffen, damit wir zu deinem Lob leben. Auch wenn die Umstände im Moment enorm schwierig sind: Hilf uns gleichwohl voller Vertrauen in die Welt zu blicken, zu tun, was uns aufgetragen ist und dir und unserer Welt zu dienen.

 

Gott, lehre uns den Weg Christi, den Weg des Friedens und der Versöhnung. Lehre uns Menschen, den Frieden zu suchen in den Familien, in der Gesellschaft und zwischen den Völkern.

Ein schrecklicher Krieg hat sich auf unseren Kontinent gelegt. Gott, schaffe ein Wunder, dass diese schreckliche und sinnlose Gewalt ein Ende findet.

 

Gott, schenke uns deinen Geist, der uns aufrüttelt aus dem Schlaf der Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit, dass wir die Not in unserer Welt sehen, uns einfühlen können und im Kleinen Wege finden, um Schmerz und Leid zu lindern. Ganz besonders wünschen wir uns das jetzt für die Menschen, die in unser Land flüchten. Schenke uns offene Herzen und Türe und einen langen Atem.