aktuelle Predigt


Besinnung zum Ewigkeitssonntag 2020

 

Die Erinnerungen an Menschen, die uns lieb und nahe waren, sind ein kostbarer Schatz. Um Erinnerungen geht es in der Geschichte der Feldmaus Frederick. Es ist eine Kindergeschichte, die aber auch uns Erwachsenen viel zu sagen hat, gerade während der Coronakrise, aber auch im Hinblick auf den Ewigkeitssonntag.

Die Geschichte von Frederick (von Leo Lionni)

Rund um eine Wiese herum, wo jeweils Kühe und Pferde grasten, stand eine alte Steinmauer. In dieser Mauer - nahe bei Scheuer und Kornspeicher - wohnte eine Familie schwatzhafter Feldmäuse .Aber die Bauern waren weggezogen, Scheuer und Kornspeicher standen leer. Und weil es bald Winter wurde, begannen die kleinen Feldmäuse Körner, Nüsse, Weizen und Stroh zu sammeln. Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle - bis auf Frederick. "Frederick, warum arbeitest du nicht?" fragten sie. "Ich arbeite doch", sagte Frederick, "ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage. "Und als sie Frederick so dasitzen sahen, wie er auf die Wiese starrte, sagten sie: "Und nun, Frederick, was machst du jetzt?" "Ich sammle Farben", sagte er nur, "denn der Winter ist so grau. "Und einmal sah es so aus, als sei Frederick halb eingeschlafen. "Träumst du, Frederick?" fragten sie vorwurfsvoll. "Aber nein", sagte er, "ich sammle Wörter. Es gibt viele lange Wintertage - und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen."

Als nun der Winter kam und der erste Schnee fiel, zogen sich die fünf kleinen Feldmäuse in ihr Versteck zwischen den Steinen zurück. In der ersten Zeit gab es noch viel zu essen, und die Mäuse erzählten sich Geschichten über singende Füchse und tanzende Katzen. Da war die Mäusefamilie ganz glücklich! Aber nach und nach waren fast alle Nüsse und Beeren aufgeknabbert, das Stroh war alle, und an Körner konnten sie sich kaum noch erinnern. Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen der alten Mauer, und keiner wollte mehr sprechen. Da fiel ihnen plötzlich ein, wie Frederick von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern gesprochen hatte. "Frederick!" riefen sie, "was machen deine Vorräte?" "Macht die Augen zu", sagte Frederick und kletterte auf einen grossen Stein. "Jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?" Und während Frederick so erzählte, wurde den vier kleinen Mäusen schon viel wärmer. Ob das Fredericks Stimme gemacht hatte? Oder war es ein Zauber? "Und was ist mit den Farben, Frederick?" fragten sie aufgeregt. "Macht wieder eure Augen zu", sagte Frederick. Und als er von blauen Kornblumen und roten Mohnblumen im gelben Kornfeld und von grünen Blättern am Beerenbusch erzählte, da sahen sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen. "Und die Wörter, Frederick?" Frederick räusperte sich, wartete einen Augenblick, und dann sprach er wie von einer Bühne herab:

Wer streut die Schneeflocken? Wer schmilzt das Eis? Wer macht lautes Wetter? Wer macht es leis? Wer bringt den Glücksklee im Juni heran? Wer verdunkelt den Tag? Wer zündet die Mondlampe an? Vier kleine Feldmäuse wie du und ich wohnen im Himmel und denken an dich. Die erste ist die Frühlingsmaus, die lässt den Regen lachen. Als Maler hat die Sommermaus die Blumen bunt zu machen. Die Herbstmaus schickt mit Nuss und Weizen schöne Grüsse. Pantoffeln braucht die Wintermaus für ihre kalten Füsse. Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind vier Jahreszeiten. Keine weniger und keine mehr. Vier verschiedene Fröhlichkeiten.

Als Frederick aufgehört hatte, klatschten alle und riefen: "Frederick, du bist ja ein Dichter! "Frederick wurde rot, verbeugte sich und sagte bescheiden: "Ich weiss es - ihr lieben Mäusegesichter!"

Von Goethe stammt der Satz: «Gott gibt uns Erinnerungen, damit wir Rosen haben im Winter.» In kalten und grauen Zeiten schenken uns Erinnerungen Trost. Sie wollen hervorgeholt werden, wie die Farben und Sonnenstrahlen in unserer Frederick-Geschichte.

 

Wenn uns der Tod eines lieben Menschen trifft, bricht der Winter in unser Leben ein. Es wird kalt und grau. Schmerz und Trauer begleiten die Trennung eines uns nahen Menschen. Das Band, das uns mit unseren Toten verbindet, sind unsere Erinnerungen. Mit den Erinnerungen, die wir in uns tragen, werden uns Bilder aus dem Leben der Verstorbenen vor Augen geführt. Es sind Bilder, mit welchen wir versuchen, das vergangene Leben zu fassen, seinen Wert für uns zu ermessen und unsere eigene Rolle darin zu begreifen. In unseren Erinnerungen bleibt vieles bewahrt, was für uns kostbar war und kostbar bleibt. Der Tod nimmt uns zwar vieles, aber diese besondere Verbindung kann er uns nicht nehmen.

«Gott gibt uns Erinnerungen, damit wir Rosen haben im Winter.»Die biblische Hoffnung, dass unser Leben nicht eisigen Zufällen entsprungen ist, sondern dass wir im Leben und Sterben von Gott begleitet und getragen sind, ist auch eine Rose in der Nacht des Lebens. Der Psalmist drückt es mit folgenden Worten aus:

 

 

Auszug aus Psalm 31

Auf dich will ich vertrauen,

lass mich nicht zugrunde gehen.

Errette mich aus meinen Tiefen

und hilf mir mit deiner gerechten Kraft.

Du machst mich stark,

wenn ich schwach bin.

Du erfüllst mich mit deinem Geist,

wenn ich mich in meiner Leere verliere.

 

In deine Hände befehle ich meinen Geist;

du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

(Übersetzung nach Uwe Seidel und Hanns Dieter Hüsch)

Der Psalmist erlebt Gott als tragenden Grund, der hinter allen Dingen steht: «In deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.» «Befehlen» bedeutet anbefehlen, anvertrauen. Unserem Psalmist scheint es nicht gut zu gehen. Auch ihn hat die Erfahrung eines kalten Winters getroffen. Dunkelheit hat sich ausgebreitet. Er spricht von einem Abgrund, aus dem er errettet werden will, von einer Leere, in der er sich drin verliert. Und doch gibt es Graustufen in diesem schwarzen Loch. Wie sich unsere Netzhaut um ein Tausendfaches auf kleinste Lichtquellen im Dunkeln zu sensibilisieren vermag, so hat auch die Seele die Fähigkeit, in der Nacht zu sehen. Der Psalmist stellt sein Vertrauen wie einen Licht- oder Sonnenstrahl neben seine Not. Da ist doch noch etwas. Er besinnt sich, und das Vertrauen wird zu seinem Lebensanker: Auf dich, Gott, vertraue ich, lass mich nicht zugrunde gehen.

Wie wir unser Gottesbild auch füllen, personal oder jenseits aller menschlichen Züge, als göttliches Kraftfeld, als Lebensenergie - wir alle besitzen die Möglichkeit, unsere Erinnerungen nach den Begegnungen abzutasten, in denen göttliche Präsenz spürbar war. Sei es in Momenten der Leidenschaft oder in Momenten, in welchen wir auf wunderbare Weise ergriffen und geführt wurden oder sei es, als wir in vollen Zügen den Geschmack des Lebens kosteten.

Diese guten Erinnerungen wollen gepflegt werden, sie wollen hervorgeholt werden mit ihrer wegweisenden Kraft. Es braucht den bewussten Umgang mit ihnen, damit wir uns immer wieder von ihnen berühren lassen können.

Das Kostbare aus der Vergangenheit soll uns wie kräftigende Sonnenstrahlen beleben und uns zu neuen Taten beflügeln. Auf diesem Hintergrund dürfen wir uns immer wieder dem Leben zuwenden und uns für das Neue, das kommen will, öffnen.

Amen.

 

 

Gebet

 

Ewiger Gott,

wir danken dir für alle guten Erinnerungen,

die mit der Dankbarkeit zu Schätzen werden.

 

Wir danken dir,

dass du uns auch in der Zeit der Trauer begleitest,

manchmal spürbar

und manchmal erst beim Zurückschauen.

 

Wir danken für alle Worte, die trösten,

für alle Begegnungen, die uns gut tun,

für jedes Mal, wo wir ein Stück neuen Mut,

ein Stück Leben spüren.

 

Wir danken dir für Jesus Christus.

Er hat den Tod überwunden

und uns die Hoffnung

auf unvergängliches Leben geschenkt.

 

Wir danken dir,

dass das Leben stärker ist als der Tod.

Amen.


Predigt zum Reformationssonntag (2 Kor 3,1ff)

 

Wir alle kommen ab und zu mal in eine Situation, wo wir darauf angewiesen sind, dass andere Menschen für uns eine Empfehlung abgeben:

·    Bei Stellenbewerbungen ist das gang und gäbe, dass man Referenzpersonen nennen muss, die Empfehlungen abgeben können. Auch bei Wohnungsvermietungen kommt das vor.

·    Einige von uns sind in ihrem Berufsleben darauf angewiesen, dass ihr Produkt, ihre Dienstleistung, ihr Geschäft von zufriedenen Kunden weiterempfohlen wird. Mund-zu- Mund-Propaganda ist auch heute, in der Zeit unzähliger Werbeplattformen, immer noch die beste Werbung.

·    Oder dann kommt es vor, dass man an einem Fest jemandem vorgestellt wird, den man noch nicht kennt. Die Gastgeberin versucht das Gespräch in Schwung zu bringen, indem sie für beide Gesprächspartner, die sich da zum ersten Mal begegnen, auch gleich eine Empfehlung abgibt, z.B. sie macht Hochtouren in den Bergen oder er ist ein guter Koch.

Manchmal schmeicheln sie uns, solche Empfehlungen, manchmal aber staunen oder schmunzeln wir, wenn wir merken, welche unserer Qualitäten unsere Freunde ja nach Situation hervor streichen (oder unerwähnt lassen), manchmal können uns Vorschusslorbeeren aber auch im Weg sein, gerade wenn es nicht unbedingt diejenigen sind, mit denen wir uns selber bekränzt hätten.

Auf jeden Fall ist es beruhigend, wenn wir davon ausgehen können, dass es Menschen gibt, die gerne ein gutes Wort für uns einlegen (oder einlegen könnten). Wie wichtig und wohltuend das ist, merken wir dann, wenn das Gegenteil passiert, wenn wir erfahren oder ahnen, dass andere schlecht über uns reden.

Das kann leicht geschehen, auch dann, wenn wir uns Mühe geben, wenig Angriffsfläche zu bieten. Aber wir sind ja nicht allein auf der Welt. Unser Ruf hängt immer auch ein Stück weit von dem Ruf unserer Angehörigen und Freunde ab. Darum spielt ein gewisses Mass an Eigeninteresse mit, wenn Eltern ihre Kinder ermahnen, sich anständig zu benehmen - weil vom unanständigen Benehmen der Kinder immer auch ein Licht auf die Eltern fällt. Und darum verbieten umgekehrt Kinder manchmal ihren Eltern, an einen Ort zu kommen, wo sie sich mit Gleichaltrigen treffen, weil sie Angst haben, das peinliche Benehmen der Eltern schade dann ihrer eigenen Reputation auf dem Pausenplatz.

 

Vom Glanz oder vom Schatten, der unsere Angehörigen und Freunde umgibt, fällt immer auch etwas auf uns ab. Und das heisst umgekehrt: Die Art, wie wir uns benehmen, hat immer auch eine Auswirkung auf die Menschen, mit denen wir verbunden sind - es kann für sie eine Empfehlung abgeben, es kann sie aber auch in Misskredit bringen.

Die Menschen, die in den Anfängen unserer Kirche das Evangelium weitergetragen haben, waren auf besondere Art auf die Empfehlungen ihrer Mitchristen angewiesen. So waren sie vermutlich auch ausgerüstet mit Empfehlungsbriefen, wenn sie in eine neue Stadt kamen. Dies jedenfalls lassen die Bemerkungen von Paulus vermuten, die im heutigen Predigttext, einem Ausschnitt aus dem 2. Korintherbrief, vorkommen.

In Korinth ist es zu folgender Situation gekommen: Paulus ist nach der Gründung der dortigen Gemeinde abgereist, weitergereist. In seiner Abwesenheit sind andere Missionare aufgetreten. Sie haben vermutlich Beglaubigungsschreiben von anderen Christengemeinden mitgebracht. Und sie haben Fähigkeiten mitgebracht, die Paulus nicht hatte: Sie konnten besser reden - und ihre Botschaft war eingängiger, weniger anstrengend.

Jetzt muss Paulus schriftlich um seine Position kämpfen. Und er versucht, in diesem zweiten Brief an die Korinther, zu erklären, dass es ihm nicht um seine eigene Position geht, sondern um die Botschaft, die er den Korinthern gebracht hat.

Wir hören jetzt einen kurzen Abschnitt aus diesem Brief:

 

Fangen wir nun schon wieder an, uns selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir etwa - wie gewisse Leute - Empfehlungsbriefe an euch oder von euch? Unser Brief seid ihr, geschrieben in unseren Herzen, verständlich und lesbar für alle Menschen. Ihr seid erkennbar als ein Brief Christi …

Gott hat uns befähigt, Diener des neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.

(2. Korinther 3,1.2.6)

 

Die Auseinandersetzungen in Korinth mögen weit weg und für uns nur schwer nachvollziehbar sein. Das Bild aber, das Paulus für eine christliche Gemeinde braucht, bringt uns auf direktem Weg in unsere Situation als Christin oder Christ, als christliche Kirche. 

Ihr, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, sagt Paulus: Ihr seid ein Empfehlungsschreiben für Christus. Ob seine Botschaft, ob das Evangelium auf Resonanz, auf Ablehnung oder auf Gleichgültigkeit stösst, hat auch mit der Art zu tun, wie Christinnen und Christen von dieser Botschaft erzählen und wie sie die Wirkung dieser Botschaft in ihrem Handeln sichtbar werden lassen.

Ich finde es spannend, zu überlegen, was wohl andere Menschen in dem «Brief von Christus» lesen, den jede und jeder von uns abgibt - und den wir als Gemeinschaft abgeben.

·    Steht dort: Der christliche Glaube, das ist eine «gäbige» Sache. Da ist man eigentlich nicht gross zu etwas verpflichtet. Bei uns, da wird man in die Kirche hineingeboren und gehört dann irgendwie dazu - so wie man halt auch zum einen oder anderen Verein auch noch dazu gehört. Ab und zu, wenn sich gerade der Anlass ergibt, kann man die Symbole und Bilder dieser Tradition in Anspruch nehmen, wenn es gilt, etwas zu feiern.

·    Steht dort: Die Botschaft von Christus, ja, das ist eine sehr ernste Sache. Wenn man sich auf sie einlässt, dann hört der Spass auf, dann muss man Schutzmauern bauen gegen all die Gefahren und Versuchungen, die in der Welt lauern.

·    Steht dort: Die Botschaft von Christus, das ist etwas was man im stillen Kämmerlein pflegt und über das man nur ganz wenig Worte verliert. Es geht da um ein Geheimnis, das jeder für sich hütet.

·    Steht dort: Die Botschaft Christi, das ist ein grosse, aber lohnenswerte Herausforderung für das Leben. Sie kann einem den Horizont auftun.

·    Steht dort: Die Botschaft von Christus, sie ermutigt zur Solidarität. Sie motiviert dazu, bei der allgemeinen Angstmacherei nicht mitzumachen und sich dem grassierenden Schwarz-Weiss-Denken nicht anzuschliessen; sie motiviert zum Brückenbauen, wenn in der Gesellschaft die Gräben immer tiefer werden.

Das Bild von Paulus (dass wir ein Brief von Christus an die Welt sind) weckt bei mir zwei Fragen. Die eine Frage ist die, ob wir in unserer Kirche, in der fast alles möglich ist und fast alles Platz hat, nicht etwas gar locker umgehen mit dem kostbaren Schatz, der uns anvertraut ist. Die andere Frage ist die, ob wir als einzelne Christinnen und Christen und als Kirche nicht manchmal zu bescheiden sind, wenn es darum geht, zu erzählen, wie viel Idealismus, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft oder Herzblut in unserer Kirche da ist, und was das Aneinander-Denken, das Miteinander-Feiern, das Füreinander-Beten alles bewirkt. («Tue Gutes und rede darüber», das können jedenfalls andere Vereine viel besser als wir.)

Jedenfalls ruft uns das Bild von Paulus in Erinnerung, dass wir als Christinnen und Christen einen Auftrag haben. Unser Glaube ist nie Privatsache. Und wenn wir ihn zur Privatsache erklären, wenn wir nicht darüber reden, dann gibt das auch einen Eindruck von dem, was das Evangelium ist: Etwas, das man besser verschweigt; etwas, zu dem zu stehen ein bisschen peinlich ist; etwas, von dem man selber nicht so recht weiss, was man davon halten soll.

Das Bild von Paulus ist für mich ein Aufruf zum selbstbewussten Bekenntnis, zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Schatz, den Christus uns anvertraut hat.

Und wenn jetzt die Frage auftaucht: Wie geht das? Wie kann ich das? - dann hören wir Paulus nochmals zu: «Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.»

Diesem letzten Satz, der da mitten im Brief steht, sind schon bald einmal Flügel gewachsen. Und so ist das geflügelte Wort unterwegs auf der Suche nach einem Ort, wo es willkommen ist.

·    Ich stelle mir vor, wie es dem auf die Schulter sitzt, der kopfschüttelnd in der Wegleitung zur Steuererklärung blättert oder sich in die Gebrauchsanweisung für ein neues Elektrogerät vertieft hat: «Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.»

·    Ich stelle mir vor, wie das geflügelte Wort aufgeregt durch die Redaktionsstuben von Boulevardzeitungen flattert, wo man daran ist, neue Schlagzeilen zu entwerfen, aber es kann nirgendwo landen.

·    Ich weiss, dass das geflügelte Wort gerne herangewinkt wird, wenn Menschen miteinander diskutieren, wie man unserer heiligen Schrift am besten gerecht werde.

·    Den Buchstabentreuen wird gesagt: Die Bibel ist so reich an verschiedenen Bildern und Vorstellungen, dass ihr euch in heillose Widersprüche verstricken müsstet, wenn ihr jeden Buchstaben und jedes Wort gleich ernst nehmen und gleich stark gewichten möchtet.

·    Diejenigen, die auf den Geist schwören, werden gefragt: Wie wisst ihr denn, dass das der heilige Geist ist, der euch leitet? Vielleicht ist es ja auch der ganz unheilige Geist eurer Vorlieben und Bedürfnisse, der dazu führt, dass ihr in den Text das hineinlest, von dem ihr gern hättet, es würde dort stehen.

Wenn das geflügelte Wort aber zurück zu seinem Schöpfer, zu Paulus fliegt und ihn fragt: Was hast du eigentlich ursprünglich mit mir vorgehabt?, dann erzählt der von sich. Dann sagt er: «Schau, mein liebes Flügelwort. Mit dir habe ich versucht, eine Erkenntnis zusammenzufassen, die mir auf einem langen Weg deutlich wurde. Ich war auch mal ein Buchstabengläubiger. Ich war überzeugt, dass man Gott gnädig stimmen muss - und gnädig stimmen kann, mit einem möglichst buchstabentreuen Gehorsam. In meinem Eifer für das Gesetz habe ich andere, die nicht so eifrig waren, verachtet und verfolgt. Besonders die Christen waren mir ein Dorn im Auge, bis mir Christus selber die Augen aufgetan hat. Durch langes Nachdenken bin ich dann zu neuer Erkenntnis gekommen. Ich glaube, dass das Gesetz uns Menschen helfen soll, die Grenzen unserer Möglichkeiten zu erkennen. Nimm schon nur die 10 Gebote. Kein Mensch kann die immer und jederzeit erfüllen. Dass man ein Leben lang keinen anderen Menschen tötet - ja das schaffen die meisten. Aber wer hätte noch nie ein Tier getötet. Und denk an die Forderung, dass Menschen keine anderen Götter haben sollen. Du kannst jedes der 10 Gebote durchgehen und merken, dass du diesem Anspruch nie vollständig genügen kannst. Wenn du das merkst, dann merkst du, wie sehr du auf Gnade angewiesen bist. Was du, mein liebes Flügelwort, beschreiben sollst, ist ein Befreiungsakt. Der Buchstaben tötet, weil er bei uns Menschen die Illusion der Machbarkeit und der Verfügbarkeit nährt. Der Geist macht lebendig, weil er uns das Herz öffnet für die Gnade und uns in eine lebendige Beziehung bringt zu Gott.»

 

Oder noch anders erklärt: Auch in den Beziehungen zwischen Menschen gibt es Abmachungen, die mit Buchstaben festgeschrieben werden: Gesetze, Eheverträge, Staatsverträge, Pflichtenhefte, Leitbilder. Manchmal ist man froh über sie, manchmal jammert man über sie, aber immer ist klar: Sie bieten nur den Rahmen. Was innerhalb dieses Rahmens passiert, was die Beziehung zwischen Menschen lebendig hält und reich macht: Das ist der Geist, der in ihnen lebt. In der Beziehung zwischen Gott und Mensch ist das nicht anders.

 

 

Gebet

Barmherziger Gott,

schicke du uns deinen heiligen Geist,

wenn wir aus den vielen Buchstaben der Bibel herauszulesen versuchen,

was du uns zu sagen hast.

Hilf uns zu glauben, dass du grosszügig bist,

kein Krämer, der dauernd aufrechnet, was wir dir schuldig bleiben,

sondern ein Liebhaber, der bereit ist, zu geben,

ohne zu fragen, was er zurückerhält.

 

Begleite uns mit deinem Geist,

wenn wir uns in dieser Buchstabenflut bewegen,

die uns alle Tage umgibt.

Wecke du unsere Fantasie, unsere Sorgfalt, unsere Liebe,

wenn wir Worte wählen, um unsere Meinung zu sagen,

um andere zu rühmen oder zu kritisieren,

um andere zu trösten, zu ermutigen.

 

Lass uns verstehen,

dass unser Glaube eine Ausstrahlung hat,

dass wir mit unserem ganzen Leben,

mit unserem Reden und Schweigen,

mit unserer Aktivität und Passivität ein Zeugnis ablegen für die Botschaft,

die uns Jesus von dir gebracht hat.

 

Du weisst, welcher Druck oder welche Freude dieser Gedanke weckt.

Du weisst, wem wir Gutes tun wollen mit der Kraft unserer Gedanken.

 

 

Amen.

 

5.Nov 2020 / DW