aktuelle Predigt


Predigt zu Markus 10,13-16 Jesus und die Kinder

 

13 Da brachte man Kinder zu ihm, damit er sie berühre. Die Jünger aber wiesen die Leute zurecht.

14 Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn solchen wie ihnen gehört das Himmelreich.

15 Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

16 Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

«Lasst die Kinder zu mir kommen, gerade ihnen gehört das Himmelreich!», sagt Jesus, und dem Sinn nach weiter: «Werdet wie die Kinder, um das Gottesreich zu begreifen!»

 

Erich Kästner sagt etwas überaus Humorvolles zu diesem Appell von Jesus: Dass wir wieder werden wie Kinder, ist eine unerfüllbare Forderung. Aber wir können zu verhüten versuchen, dass die Kinder so werden wie wir. Wenn – gemäss Kästner - die Kinder nicht so werden sollen wie wir, haben sie uns etwas voraus! Etwas, was wir vielleicht beim Erwachsenwerden verlernen und dann später wieder lernen müssen? Und weshalb gehört nach der Meinung von Jesus Kindern das Himmelreich?

 

Vielleicht hilft ein Beispiel: Es ist gerade das Ende der Sportferien. In ein paar Monaten reisen wir hoffentlich in die Sommerferien. Schauen wir mal auf den Moment, auf den wir das ganze Jahr hingearbeitet haben, den Moment, an dem wir endlich am Meer sitzen nach Hunderten von Kilometern im vollbepackten, überhitzten Auto. Was ist also mit diesem edlen langersehnten Moment, an dem man endlich, endlich den mitgebrachten Campingstuhl aufgebaut und den Sonnenschirm in den Boden gerammt hat? Ich meine jenen Moment, an dem man endlich leben könnte? Ist es nicht bei vielen Erwachsenen so, dass man - wie jeden Tag zu Hause - am Morgen aufs Handy schaut und Nachrichten beantwortet? Schlimmstenfalls das Handy mit an den Strand nimmt. Sich den ganzen Tag an der stechenden Sonne quält, um braun zu werden, oder man langweilt sich, weil nichts los ist? Oder man schiesst mit dem Handy unablässig Fotos, um jeden Moment zu sichern und aufzubewahren?

 

Anders aber die fünfjährige Tochter. Sie hat sich inzwischen fröhlich das «Schäufelchen» gepackt. Sie hat voller Begeisterung gedankenversunken am Strand fantasievolle Gebilde gebaut. Immer wieder hat sie den feinen Sand beobachtet, wie er durch ihre Finger rann. Sie hat Muscheln gesucht, bewundert ihre zarten Strukturen, und hat immer wieder aufs Meer geschaut, wo in der Ferne Schiffe am Horizont vorbeiziehen, und dabei an die Geschichten aus fernen Ländern gedacht, die ihm die Mama oder Papa manchmal vorliest. Kinder haben einen anderen Blick auf die Wirklichkeit.

 

Wir Erwachsenen messen die Dinge vor allem an der Nützlichkeit, der Zweckmässigkeit und der Wertigkeit. Der Philosoph Thomas Hobbes hat den Umgang von modernen Menschen so beschrieben. Er sagt, eine Vorstellung von einem Ding zu haben, heisst sich vorzustellen, was man damit machen könne, wenn man es besitzen würde. Mit Sand kann man Zement anrühren. Muscheln kann man essen. Schiffe kann man kaufen oder buchen. Punkt. In dieser Art und Weise denkt - gemäss Hobbes - heute mehr oder weniger jeder vernünftige Erwachsene. Damit aber haben wir leider die Natur ruiniert, die Umwelt durcheinandergebracht und uns daran gewöhnt, dass eine Landschaft oder sonst etwas nur dann schön sind, wenn man sie anständig fotografieren, also «festhalten» kann.

 

Man kann mit der Sicht des Kindes ganz sicher kein Geld verdienen, keine Zementfabrik, kein Muschelrestaurant und keinen Fotoladen aufmachen. Doch für die vom Ferienstress geplagten Erwachsenen wäre es wahrscheinlich besser, wenn sie wenigstens jetzt in den Ferien einmal nach dem Weltverständnis des Kindes leben würde, den Sand bewundern, über die wunderbaren Strukturen der Muscheln staunen und in der Beobachtung des Horizonts an irgendetwas Unnützes, aber Wichtiges zu denken, nämlich zum Beispiel daran, wie das Leben so spielt. Das wäre doch ein Stück Himmel auf Erden! Und das haben uns die Kinder voraus.

 

Inzwischen wissen wir auch, dass die Betrachtung der Welt bloß unter der Erwachsenenvorstellung, was man alles mit ihr anstellen könnte, die Menschheit an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Die Nützlichkeit der Dinge ist eine einseitige Sicht auf die Welt. Die Sichtweise des Kindes ist vielleicht weniger nützlich, weniger alltagstauglich, aber möglicherweise lebenstauglicher, wenn man so sagen darf.

 

«Lasst die Kinder zu mir kommen, gerade ihnen gehört das Himmelreich!» Die Kinder haben einen anderen Blick, einen unmittelbaren Blick auf die Wirklichkeit. Sie bemessen nicht alles nach dem Nutzen und nach der Zweckmässigkeit! Sie haben noch keinen schützenden Panzer aus Skepsis und Rationalismus ausgebildet. Das ist die Stärke der Kinder und zugleich aber auch ihre Schwäche. Mit der Art, wie sie offen sind für alle und alles sind Kinder schnell gefährdet und häufig wehrlos gegenüber den Einflüssen der Erwachsenenwelt. Aber diese sensible Aufnahmefähigkeit ist auch die Stärke der Kinder. Dem berühmten Maler Paul Klee wurde einmal gesagt, so wie er male, könne ja jedes Kind malen. Worauf Paul Klee antwortete: «Ja, das ist es eben: die Kinder können’s.» Ja, die Kinder können es und haben etwas, das wir Erwachsene verlernt haben.

 

Ein weiterer kindlicher Blick auf die Wirklichkeit: Was so jedes Kind gegenüber seiner Mutter, gegenüber seinem Vater an Vertrauen, aber auch an Forderung mitbringt, das ist gerade die Einstellung, die wir im Sinne Jesu als Erwachsene Gott gegenüber leben sollten: mit dem gleichen bedingungslosen Vertrauen, mit der gleichen grossen Erwartung. Was hindert uns daran, es den Kindern gleichzutun, ihr Vertrauen zum Vorbild zu nehmen? Ich denke, wir werden alle Gründe nennen können, die es uns erschweren, die Vertrauenshaltung der Kinder zu übernehmen. All die Erfahrungen, die wir auf unserem Weg ins Erwachsensein gemacht haben, sie lassen sich hier ins Feld führen. Da ist zum Beispiel die Erfahrung, dass Vertrauen enttäuscht werden kann und Misstrauen manchmal als Schutz für uns nötig ist. Da ist die Erfahrung, dass die Welt viel komplizierter und komplexer ist, als sie in Kinderaugen erscheint. Da ist die Erfahrung, dass Fragen, Zweifel und Vorbehalte auch zum Leben gehören, als kritische Instanz, die uns hilft, uns zu orientieren. Solche, zum Teil harte und schwierige Erfahrungen bringen uns dazu, dass wir das meiste, was wir hören, nicht einfach ohne Wenn und Aber gelten lassen können. Und so kann man uns Sonntag für Sonntag predigen und sagen: Gott ist mit uns, Gott ist für uns – und wir können es nicht einfach so aufnehmen, wir setzen unsere Fragezeichen dazu.

 

Im Glauben reifer werden, das heisst aber gerade: durch alle die Fragen und die Zweifel, die wir haben, zu einem vertieften Glaubensverständnis kommen. Und dabei können uns wieder die Kinder ein Vorbild sein. Gerade wenn wir alle unsere Denkkräfte anspannen, werden wir jedoch feststellen, dass das Grosse einfach ist. Und was uns im Leben und im Sterben zum Halt wird, sind nicht die vielen Erwägungen, Überlegungen und Umwege, die es immer wieder braucht, um zum Einfachen zu gelangen. Nein, es ist das Einfache selbst, das uns Halt gibt. Das Staunen über die kleinen Wunder, die uns in der Schöpfung begegnen. Die Freude über glückliche Momente und schöne Begegnungen. Der christliche Mystiker, Meister Eckehart, sagte einmal:

 

 

Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart,

der bedeutendste Mensch ist immer der,

der dir gerade gegenübersteht,

das notwendigste Werk ist stets die Liebe.

 

Dieses Einfache ist auch die Zuversicht, dass Gott uns umgibt und uns seine Liebe schenkt. Gerade so, wie sich ein Kind im Schosse der Eltern geborgen weiss.

 

Jesus sagt uns, dass das wir dieses Vertrauen Gott gegenüber entwickeln sollen. So einfach diese Zusage ist, so folgenschwer bleibt sie. Und sie bedarf aller unserer Geisteskräfte, um daraus in den verschiedensten Lebensbereichen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Das Entscheidende selbst aber, die Zusage Jesu, dass Gott uns umgibt und seine Liebe schenkt: Das gilt es anzunehmen, so mutig und so direkt und so bedingungslos wie ein Kind.

Amen.

 

Gebet:

Ewiger Gott, Urgrund unseres Daseins,

danke für unser je einmalige Leben, das du uns schenkst.

 

Schaffe in uns einen neuen Zugang zu den Wundern der Natur und zu den Geheimnissen der Schöpfung, so wie ihn Kinder noch haben.

 

Gott, wir wollen aus dem Vertrauen in deine Liebe leben und uns dir zuwenden in der grossen Hoffnung, dass du für uns da bist und uns hörst.

 

Wir bringen vor dich all die Menschen, die mit uns schwach sind und gebunden an vieles, das sie beschwert. Befreie uns von unseren Lasten.

 

Gib uns den Mut, dass wir diesem kindlichen, natürlichen Instinkt nachgeben können und uns zu dir flüchten, wenn wir Angst haben, wenn uns alles zu viel wird, wenn wir nicht mehr weiterwissen.

 

Wir bitten jetzt auch ganz besonders für all jene Menschen, die in Elend und Not leben müssen und nicht wissen, was der nächste Tag bringt.

Gib ihnen Mut und Hoffnung und zeige uns, was wir tun können, um ihr Leid zu mindern.