«Ich glaube, hilf meinem Unglauben!»

 

In einer kleinen Stadt spannt eine Seiltänzerin ihr Seil quer über den Marktplatz. Dann beginnt sie auf dem Seil zu balancieren, mit einem Stab in der Hand, aber ohne Netz – und hoch über dem Boden. Die Menge hält den Atem an, während die Seiltänzerin Kunststückchen vorführt und auf dem Seil von einem Ende zum anderen läuft. Tosender Beifall, die Menschen staunen und fordern eine Zugabe. Noch einmal macht sich die Seiltänzerin auf den Weg, wieder schauen die Menschen mit offenen Mündern zu, staunen, jubeln, als sie am anderen Ende ankommt.

Nun nimmt sie eine Schubkarre, setzt sie auf das Seil und blickt in die Menge. «Glaubt ihr, dass ich es auch schaffe, diesen Karren über das Seil zu schieben?» – «Na klar», rufen die Leute, «kein Problem, wir glauben es!» – «Gut», ruft die Seiltänzerin, «wenn ihr mir das zutraut – wer möchte sich dann in die Schubkarre setzen?» Nun wurden die Mienen der Zuschauer ängstlich. Das Geschrei verstummt, alle schweigen und blicken zu Boden. Nein, sich in den Karren zu setzen, dass ging dann doch zu weit!

Da meldet sich ein kleiner Junge. «Ich setze mich in den Karren», ruft er. Die Menschen sind unruhig, wollen ihn davon abhalten, doch zu spät. Der Junge setzt sich in die Schubkarre, die Seiltänzerin beginnt ihren Weg, das Seil schwankt, der Wind pfeift. Doch Schritt für Schritt läuft die Seiltänzerin über das Seil. Als sie am anderen Ende ankommt, jubeln die Menschen ihr zu, klatschen, sind begeistert. Und der Junge wird gefragt: «Hast du denn gar keine Angst gehabt?» «Nein», antwortet der Junge, «warum auch? Die Seiltänzerin dort, das ist ja meine Mutter!»

 

Die Kirchgemeinde lädt Riggisbergerinnen und Riggisberger im Rahmen eines Fotowettbewerbs dazu ein, ihr ihre selbst gemachten Fotos zum Thema Glauben/Vertrauen zuzusenden.

Wie sieht Ihr Glaube aus? Welches Bild von Vertrauen haben Sie? Kann man überhaupt etwas fotographisch festhalten, was eigentlich unsichtbar ist? Und wodurch wurde das, was Sie glauben, geprägt?

Würden Sie ein ähnlich festes Bild von Vertrauen zeichnen, wie dies der Junge tut, der sich ohne Zweifel von seiner Mutter in einer Schubkarre über ein Seil schieben lässt?

Meine Beschreibung würde dann schon eher der Jahreslosung für dieses Jahr gleichkommen: «Ich glaube, hilf meinem Unglauben!» (Mk 9,24).

 

Seit 1930 wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ein Bibelvers für das kommende Jahr bestimmt. Zu jener Zeit, als die Losung für 2020 bestimmt wurde, hat noch niemand geahnt, in welch aussergewöhnlicher Situation wir uns nun über den ganzen Globus verteilt wiederfinden würden.

«Ich glaube, hilf meinem Unglauben!» Ich will ja glauben, dass du es gut mit uns meinst, Gott, aber angesichts der Geschichten und Schicksale, die sich in manchen Leben ereignen, stosse ich mit meinem Glauben an Grenzen.

Ich will ja glauben, dass du deine Welt nicht im Stich lässt, aber angesichts dessen, was ein winzig kleines Virus in ihr anrichten kann, fällt es mir schwer, Vertrauen ins Leben zu fassen.

«Ich glaube!» - Ja, ich vertraue darauf, dass unser Leben nicht zufällig ist und dass Gott uns darin begleitet. Gleichzeitig rumoren in mir Gedanken wie: Wenn es darauf ankommt, verliere ich den Boden unter den Füssen. Weshalb erfahren so viele Menschen grosses Leid, wo sie Gott als abwesend erleben? «Hilf meinem Unglauben!»

 

Der Satz «Ich glaube, hilf meinem Unglauben!» gehört im Markusevangelium einem Vater, der sich sehnlichst Heilung für seinen wohl an Epilepsie erkrankten Sohn wünscht. Zuvor lässt Jesus ihn wissen «Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.»

 

Das ist doch einfach nicht wahr! Wie viele Menschen haben schon ihren ganzen Glauben in einen Wunsch investiert, haben gebetet darum, dass geschieht, was sie erhoffen. Und doch ist es anders gekommen. Wie viele Menschen haben schon darauf vertraut, dass Gott sie oder ihre Liebsten von einer Krankheit heilt oder sie vor einem schweren Schicksalsschlag bewahrt. Und wurden doch bitter enttäuscht.

 

Haben sie zu wenig geglaubt? Oder nicht das Richtige?

Will Jesus uns wirklich einen leistungsorientierten Glauben lehren «Wenn ihr nur richtig und gut glaubt, dann ist alles möglich.»?!

 

Der Satz «Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.» ist ein typischer Satz jüdischer Frömmigkeit. «Alle Dinge sind möglich», heisst: alles. Auch das Schlimme, das Schreckliche. Alle Möglichkeiten, die das Leben vorgesehen hat, und noch ein paar mehr, stehen offen. Aber in keiner dieser Möglichkeiten ist Gott uns fern. Und gehört es nicht zu unserem manchmal erstaunten, manchmal entsetzten Erleben, dass es nichts gibt, was es nicht gibt? Gerade auch jetzt, wo wir sehen müssen, dass ein Virus ganze Existenzen gefährden kann und uns dazu zwingt, uns zwar nicht sozial, aber physisch voneinander zu distanzieren.

 

«Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.»

Die Gesamtheit aller offenen Möglichkeiten wird in den Zusammenhang mit Glauben gebracht. Glauben nicht im Sinne von Für-Wahr-Halten, sondern vielmehr im Sinne von Vertrauen. Glauben heisst hier vielleicht, vertrauen in Gott als Gesamtheit aller Möglichkeiten, als Hoffen, das sich in einer umfassenderen Hoffnung gründen darf. Mein Leben geht nicht einfach darin auf in dem, was ich erlebe. Da ist noch mehr. Gott als dieser tiefere Grund, auf dem ich stehe, wenn alles Äussere wegbricht.

 

Der Glaube, wie Jesus ihn lehrt und lebt, ist keine besondere Leistung der Menschen. Für Jesus ist Glaube das tiefe und bedingungslose Vertrauen auf Gott, auf Gottes Wirken zum Heil der Menschen – das manchmal leider so diametral entgegen unseren Wünschen und Sehnsüchten zu stehen scheint.

Dieses Vertrauen erlebt manchmal auch, dass Hoffnungen enttäuscht werden und sicher Geglaubtes vollkommen verunsichert wird. Und dass es ganz grundsätzlich erschüttert werden kann.

Gerade deshalb berührt mich dieser Satz des Vaters im Markusevangelium so stark: «Ich glaube, hilf meinem Unglauben!» In dieser Bitte zeigt sich eine ehrliche Dimension des Vertrauens, das sich auch des mangelnden Vertrauens nicht schämt. Denn auch der Mangel an Glauben gehört zum Glauben. Dieser Vater sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. In all seiner Unsicherheit vertraut er sich Jesus an. Er hält an der Hoffnung fest, nicht verlassen zu werden in seinem Glauben und Unglauben. Er wendet sich im Vertrauen an Jesus, dass weder sein Glaube noch sein Unglaube letztlich sinnlos sind.

Nein, zu glauben, muss nicht bedeuten, ständig mit einem Strahlen im Gesicht, ohne Sorgen und vor Vertrauen und Hoffnung strotzend, durchs Leben zu gehen. Vielleicht erleben Sie manchmal Ihren Glauben so – das ist ansteckend!

 

Vielleicht erleben Sie aber auch die nagenden Zweifel – gerade in besonderen Zeiten wie diesen, in denen zwar Einiges wieder möglich ist, Vieles aber ungewiss und besorgniserregend bleibt. So dürfen wir uns ermutigen lassen vom Vater des kranken Jungen und in unseren Verunsicherungen mit ihm beten: «Ich glaube, hilf meinem Unglauben!»

 


Im Gesangbuch finden wir unter der Nummer 657 ein wunderbares Gebet eines jungen Christen in Afrika:

 

 

 

Gott, ich habe eine Seele voller Vertrauen

 

Und einen Kopf voller Zweifel.

 

Ich kann nur sagen:

 

Irgendwo glaube ich,

 

hilf meinem Unglauben im Kopf.

 

Gott, pflanze diesen Glauben,

 

der da ist, irgendwo in mir,

 

der vertraut und hofft,

 

in meinen Kopf.

 

Gott, lass meine Augen

 

nicht nur sogenannte Tatsachen sehen,

 

sondern durch sie hindurch dich.

 

Zahlen sind so bestechend;

 

 

 

 

 

 

 

Mach, dass dein Wort

 

auch so überzeugend zu mir spricht.

 

Gott, lass mich doch auch mit dem Kopf glauben. Amen.

 

 

 

 

 

Und wie würden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nun ihren Glauben in einem Bild festhalten?

 

Falls Sie mögen, senden Sie uns doch bis Ende Juni ein Foto per Mail oder WhatsApp:

 

magdalena.stoeckli@gmx.ch / 079 387 36 86.

 

 

 

Mit der Einsendung des Fotos bestätigen Sie, dass Sie der Urheber/die Urheberin des Bildes sind und mit der Veröffentlichung (auf der Website kirche-riggisberg.ch und allenfalls in der «reformiert.»-Zeitung) einverstanden sind.

 

 

Pfarramt 2, 18. Mai, Magdalena Stöckli

 

Der grosse Sturm (Markus-Evangelium 4,35-41)

 

Und am Abend desselben Tages sprach Jesus zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren.

Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

Und es erhob sich ein großer Seesturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.

Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?

Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.

Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch kein Vertrauen?

Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

 

Die Geschichte des Seesturms, die uns der Markus-Evangelist erzählt, lässt sich als ein Gleichnis auf unser eigenes Leben verstehen. Mit dem Sturm in unserer Geschichte ist der Lebenssturm gemeint, die Not, die Krisen, das Leiden. Darauf ist man selten vorbereitet. Die Corona-Krise traf unsere Welt unvorbereitet und stellte unser gewohntes Leben auf den Kopf. Oder plötzlich treffen uns Schicksalsschläge, und es wird dunkel um uns herum. Plötzlich ist das Lebensboot in der Nacht unterwegs, in völliger Ungewissheit, wohin der Weg hinführt. Und von einem heilenden Helfer keine Spur. Wenn überhaupt, scheint die Hilfe weit weg, irgendwo, aber sicher nicht im bedrängten Lebensboot. Der Wind nimmt zu, die Wellen werden höher und höher. Plötzlich tödlicher Ernst. Was bis jetzt das Leben getragen und gehalten hat, trägt und hält nicht mehr. Die Dunkelheit scheint alles zu verschlingen, das rettende Ufer scheint nicht mehr erreichbar zu sein. Kein Seil, das uns an das Land zieht, kein Aufwachen aus einem bösen Traum, wo plötzlich wieder die Sonne scheint, sondern harte Wirklichkeit, die Nacht, der Sturm, die Wellen!

 

In der Bildwelt biblischer Texte und Erzählungen finden wir Bilder, in welchen sich Situationen aus unserer eigenen Lebenswelt abbilden und die uns deshalb berühren. Es sind Bilder und nicht Erklärungen, Gefühle und nicht Argumente, Ahnungen und Geheimnisse und nicht fertige Antworten.

 

Die Jünger sind mit Jesus auf dem Schiff unterwegs. Schon der Kirchenvater Tertullian (Schrift über die Taufe) hat von der Kirche als einem Schiff gesprochen, das Menschen schützt und zusammenbringt, Menschen, die einzeln in kleinen Ruderbooten den Stürmen des Lebens vielleicht nicht gewachsen wären. Das Schiff ist also ein altes Bild für die Kirche und für die Gemeinde. Es ist nicht von ungefähr, dass man vom «Kirchenschiff» spricht. Auf dem Schiff der Seesturm-Geschichte sehen wir jetzt innerlich auch uns selbst mit dabei, wenn die Jünger angesichts des Sturmes jene tief verängstigte, verunsicherte Frage und Klage aussprechen: «Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?» Wo ist Gott, wenn die Katastrophen in unser Leben, in unsere Welt hereinbrechen? Es gibt gewaltige Stürme und Krisen, die alles in Frage stellen: Was selbstverständlich war, wird plötzlich unsicher. Gewissheiten, die wir hatten, werden plötzlich angezweifelt. Unser Leben wird von einem Moment auf den anderen umgekrempelt.

 

Kann man sich dann überhaupt vorbereiten auf solche Lebenskrisen? Auch wenn der Sturm einen meistens überraschend überfällt, so kann man sich doch ausrüsten. Darum geht es auch in unsere Geschichte vom Seesturm.

Als erstes sagt uns die Geschichte, dass wir auch im gefährlichsten Sturm nicht untergehen können, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott in unserem Lebensschiff ist. Wie können wir wissen, dass er drin ist? Meistens macht er ja keinen Lärm, sondern ist noch unsichtbar hinten im Boot. Kann man das wissen, ob Gott in unserem Lebensschiff ist? Ja, man sollte es wissen, damit man bereit ist für den Sturm. Vorab vertrauen wir darauf, dass er durch seinen Heiligen Geist in uns lebt. Und mit jedem Gedanken des Zutrauens und Vertrauens laden wir Gott in unser Lebensschiff ein.

 

Das zweite, das die Geschichte uns sagt: Wenn der Sturm uns überfällt, merken wir nicht viel von Gott. In der Lebenskrise werden wir also das Gefühl haben, Gott habe uns verlassen. Wir müssten ganz alleine rudern und schöpfen, und wenn wir mal ein wenig Luft schnappen wollten, würde das Schiff gerade untergehen. Man hat im Sturm den Eindruck, Gott kümmere sich nicht um uns. «Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?!», rufen die Jünger, nachdem sie Jesus endlich wach gekriegt haben. Das Gefühl der Gottverlassenheit gehört zu unserem Leben. Das ist wahrscheinlich das Schlimmste am ganzen Sturm, dieses Gefühl: «Niemand hilft!» In unsere Ausrüstung gehört das Wissen: «Ich werde Gott möglicherweise nicht spüren, wenn es darauf ankommt.» Unsere Seesturmgeschichte sagt aber: Er ist schon da, keine Angst. Aber du merkst es noch nicht. In der Not musst du ihn suchen und wecken. Warum denn? Die Psalmen in der Bibel sagen es so: «Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten und du sollst mich preisen.» (Ps 50,15). Der Volksmund sagt: Not lehrt beten. Und in unserer Seesturm-Geschichte wecken die Jünger Jesus, und er ermahnt sie, auf Gott zu vertrauen. Du musst beten in der Not, dann kommt die Hilfe. Darum ist es gut, schon bei schönem Wetter beten zu lernen. Auch das gehört zur Ausrüstung.

 

Vielleicht sagt Jesus seinen Jüngern und uns: «Der wirklich gefährliche Sturm ist der Sturm in eurer Seele.» Das Schlimmste ist die Angst, die wir entwickeln, und die Panik im Kopf, die uns lähmt. Vielleicht der häufigste Ausdruck in der Bibel lautet deshalb: «Fürchte dich nicht! Fast 400 Mal heisst es in der Bibel: «Fürchte dich nicht!» Für jeden der 365 Tage des Jahres also. Und es bleiben erst noch einige zusätzliche für besonders schwierige Tage. «Fürchte dich nicht!» Das ist kein Befehl. Durch Befehle lassen sich existenzielle Situationen nicht verändern. «Fürchte dich nicht!» - das ist eine Zusage. Die Mutter sagt zum Kind: «Hab keine Angst!» Auch das ist kein Befehl, sondern der Zuspruch der Geborgenheit. Um den Zuspruch der Geborgenheit und des Vertrauens - darum geht es in der Bibel, im Alten und im Neuen Testament.

 

Eigentlich ist Jesus gekommen, um unsere tödliche Angst zu heilen. Und nicht, um unseren Meteorologen, Thomas Bucheli und Co., oder den Muotathaler Wetterfröschen ins Handwerk zu pfuschen. Wahrhaftig, er ist nicht gekommen, um Stürme draussen zu stillen, sondern den Sturm in unserem Innern. Darauf können wir vertrauen.

 

Aber warum verschont uns Gott nicht vor äusseren Stürmen und räumt uns Hindernisse aus dem Weg? Es gibt tatsächlich Erlebnisse, die könnten einem erspart bleiben. Aber einige Hindernisse haben uns auch reifen lassen. Und wenn wir immer auf Händen getragen und alles wie geschmiert laufen würde, so würden wichtige Lernprozesse in unserem Leben fehlen. Haben wir im Rückblick nicht dort am meisten gelernt, wo der Fluss des Lebens ins Stocken geraten ist? Haben wir in diesen Zeiten nicht am stärksten gespürt, wie wir auf einander angewiesen sind? Gott räumt uns nicht alle Hindernisse aus dem Weg. Er bewahrt uns nicht davor, dass wir im Leben mit Anstrengendem und Schwierigem fertig werden müssen. Aber er schenkt uns etwas, das uns tragen kann: Sein Wohlwollen und seine Liebe.

 


Predigtgebet

 

Ewiger Gott,

 

schenke uns ein weites Herz,

 

damit wir erkennen, dass du uns liebst,

 

und schenke uns Weisheit, damit wir begreifen, was gut für uns ist,

 

und schenke uns Gelassenheit, damit wir auch in dunklen Momenten nicht verzweifeln.

 

 

 

Wir bitten dich, steh du allen bei, die mit Glaubenszweifeln ringen, weil ihre Not zu gross ist oder weil sie Ungerechtigkeit, Leid und Gewalt in ihrer Welt nicht mehr mit deiner Liebe und Macht zusammenbringen können.

 

 

 

 

 

Sei du nahe den Kranken, den Einsamen,

 

den Unruhigen und Verzweifelten.

 

Schenke ihnen Lebensmut, Kraft

 

und Zuversicht.

 

 

 

Sei du nahe den Menschen an den vielen Kriegsschauplätzen in dieser Welt.

 

Gib den Verantwortlichen

 

Klarsicht und politische Weisheit,

 

damit Terror, Hass und Gewalt eingedämmt werden und Menschen in Frieden miteinander leben können.

 

im Mai 2020

Daniel Winkler, Pfarramt 1

 

Gedanken zu Karfreitag

So war das nicht geplant. Damit haben sie nicht gerechnet. Nun ist alles anders.

 

Die Frauen steigen tränenverhangen den abschüssigen Weg hinab. Sie lassen den Leichnam von Jesus zurück. Und mit ihm auch all ihre Hoffnungen auf ein anderes, neues Leben. Sie haben Erlösung erwartet. Jetzt ist er tot. Warum er? Das hat er doch nicht verdient! Das ist ungerecht! Und weshalb hat Gott nicht eingegriffen? Das hat doch alles keinen Sinn!

 

So war das nicht geplant. Ostern wollten wir doch so anders verbringen. Die Nachbarn, die sich schon lange auf den Besuch der Enkelkinder freuten. Die Bekannte, die nun plötzlich um das Leben ihrer Lieben und von sich selber bangen muss. Der Unbekannte, der nun scheinbar zu einer Risikogruppe gehört und seinen geliebten Fahrdienst nicht mehr ausführen kann. Oder der Freund, den nun plötzlich ein schlechtes Gewissen beschleicht, wenn er für die Ostertage einkaufen geht. Er soll doch zu Hause bleiben. Die Verwandten, die sich nicht sehen können. Die Unbekannte, die um ihre Liebe weint. Die Freundin, die dachte, sie könne endlich mal wieder ein paar Tage frei nehmen. Der Bekannte, der gehofft hat, dass er nach der letzten Krise die Existenzsorgen für einen Moment los sei. Die Familie, die sich nach einer Zeit ohne Streit und Ärger sehnt. All die Namenlosen, die gestrandet sind in der Wiege Europas, lebend unter prekärsten Bedingungen und nun schutzlos der Verbreitung des Virus ausgesetzt sind. Beinahe die ganze Welt betroffen. Nun ist Vieles anders. Damit haben wir nicht gerechnet.

 

Die Männer sehnen sich nach Normalität. Danach, das zu tun, was ihnen vertraut ist. Die meisten von ihnen sind Fischer.

 

Wie oft waren sie mit Jesus am Wasser. Das war für sie selbstverständlich. Nie hätten sie gedacht, dass es so enden würde. Sie wollten doch mit Jesus die Welt verändern. Hätten sie gewusst, dass er ihnen so früh genommen würde, sie hätten doch die Zeit mit ihm ganz anders genutzt!

 

Wie ist es Jesus wohl dabei ergangen? Hatte er Angst?

 

Man sagt sich, er habe laut «Warum?!» geschrien. «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?!»

 

Kann das sein? Jesus hat sie doch immer Vertrauen gelehrt. Und nun fühlte gerade er sich verlassen von Gott? In seiner dunkelsten Stunde?

 

Das Sehnen nach Normalität. Wahrscheinlich kennen wir es diese Tage besonders. So Vieles, was scheinbar selbstverständlich war, ist nun nicht mehr möglich. Vielleicht geniessen wir neu gewonnene Freiheiten. Vielleicht beschleicht uns aber auch ein Gefühl der Angst, der Ohnmacht, der Unsicherheit. Wie lange noch? Mit welchen Folgen? Was wird alles anders sein?

 

Die Frauen und Männer trauern. Sie beweinen alles, was keine Fortsetzung finden kann. Sie fragen immer wieder: Warum? Warum jetzt? Warum so? Sie teilen den Schmerz und klagen. Sie erzählen sich auch Erinnerungen. Dankbar denken sie an die vielen Begegnungen mit Jesus. «Wisst ihr noch, damals, als er den blinden Mann am Teich Siloah geheilt hat? Wir haben ihn doch gefragt, warum dieser Mann blind war. Erinnert ihr euch, was Jesus geantwortet hat? Er meinte, es gäbe keinen Grund. Wir sollen nicht nach dem Warum fragen, sondern nachdem Wozu?» - «Ja, stimmt! Und ausgerechnet er soll nun selber am Kreuz gesagt haben: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?» - «Ja. Er war wohl sehr verzweifelt. Irgendwie menschlich.»

 

Warum? Das ist vielleicht die Frage des Karfreitags. Und vielleicht haben Sie die Frage in Ihrem Leben auch schon gestellt, stellen müssen. Vielleicht gerade auch jetzt in diesen Tagen und Wochen. Wenn wir den Grund kennen, weshalb uns etwas widerfährt, weshalb so Vieles auf dieser Welt so ungerecht ist, gibt uns dies vielleicht Orientierung. Vielleicht steckt manchmal auch die Frage nach der Schuld dahinter – in der Hoffnung, wenn wir einen Schuldigen kennen, die Realität besser annehmen zu können.

 

Vielleicht finden Sie Antworten auf diese Warum-Fragen in ihrem Leben. Vielleicht bleibt es aber auch bei der schmerzhaften Frage – ohne eine Antwort.

 

Monate später kommen die Männer und Frauen wieder zusammen, tauschen sich aus. Sie weinen und lachen. «Diese Frage nach dem Warum... ich kann sie nicht loslassen. Ich schreie und schreie sie immer wieder zusammen mit Jesus am Kreuz.» - «Ja, es braucht Zeit. Und Klage.» - «Ich kann mit dieser Frage nichts anfangen. Wir werden es nie wissen. Also machts einen nur verrückt, sie immer und immer wieder zu stellen.» - «Wir sind da wohl sehr unterschiedlich. Für manche ist es wichtig, sie zu stellen. Für andere ist es wichtig, sie nicht zu stellen. Wichtig ist es vielleicht nur schon, dass alles seinen Ausdruck finden kann. Und wie Jesus uns immer gesagt hat, dürfen wir Gott alles sagen. Unsere Enttäuschung, unser Unverständnis, unsere Verzweiflung, aber auch unsere Dankbarkeit und unsere Freude.» - «Ich muss immer wieder daran denken, dass Jesus gesagt hat, wir sollen nicht nach dem Warum fragen, sondern nach dem Wozu. Vielleicht könnte man auch sagen, wir sollen uns auch fragen: Was wird jetzt möglich, das vorhin nicht möglich war? Was hat sich verändert? Was ist hilfreich? Wo könnte trotz allem auch etwas erwachsen, das etwas Neues eröffnet? Was kann ich aus dieser Situation machen – trotz allem, das schlimm ist und schlimm bleibt? Irgendwie zeigt mir diese Frage auch eine neue Perspektive auf. Dass es weiter geht. Trotz allem.»

 

Es geht weiter. Was könnte jetzt anders werden? Die Frage nach dem Wozu? könnte wie ein Tor vom Karfreitag zu Ostern hin werden.

 

Wichtig ist, dass wir von uns aus den Schritt machen von der Warum-Frage hin zur Wozu-Frage. Niemand kann uns diesen von aussen aufzwingen oder vorschreiben.

 

Es ist ein Weg, den wir nur selber gehen können.

 

Aber niemals allein.

 

Denn gerade das, was wir an Karfreitag feiern, erinnert uns, dass Jesus sowohl mit uns nach dem Warum? schreit als auch mit uns nach dem Wozu? sucht und uns begleitet und nahe ist in allem, was wir als Menschen erleben und fühlen.

 

Mögen Sie Gottes Da-Sein in all Ihrem Erleben, Suchen und Fragen immer wieder spüren!

 

 

Magdalena Stöckli, Pfarramt II Riggisberg


Osterpredigt während der Corona-Krise

 

(Johannes 20,11-18)

 

In diesem Jahr erleben wir wegen der Pandemie eine sehr düstere Osterzeit: Weltweit und hier in der Schweiz erkranken Menschen, sterben Menschen, und die betroffenen Familien dürfen nicht begleitet werden, werden mit ihrer Trauer allein gelassen. Obschon oder gerade weil der Tod so vorherrscht, gilt aus christlicher Sicht die Osterbotschaft umso mehr: Der Tod hat nicht das letzte Wort.

 

Hören wir auf das Osterevangelium nach dem Johannes-Evangelist:

11 Maria aber stand draussen vor dem Grab und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein. 12 Und sie sieht zwei Engel sitzen in weissen Gewändern, einen zu Häupten und einen zu Füssen, dort, wo der Leib Jesu gelegen hatte. 13 Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Das sagte sie und wandte sich um, und sie sieht Jesus dastehen, weiss aber nicht, dass es Jesus ist. 15 Jesus sagt zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Da sie meint, es sei der Gärtner, sagt sie zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen. 16 Jesus sagt zu ihr: Maria! Da wendet sie sich um und sagt auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! Das heisst ‹Meister›. 17 Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 18 Maria aus Magdala geht und sagt zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und berichtet ihnen, was er ihr gesagt hat.

 

Ostern ist das Fest der Freude und das Fest des Lebens. Ostern ist nicht irgendein Fest im christlichen Festkreis. Ostern ist die Mitte der christlichen Botschaft. Die Ostergeschichten sind im Neuen Testament nicht einfach am Schluss der Evangelien zu suchen, nach der Passionsgeschichte, nach dem Bericht vom Leiden und Sterben Christi. Das ganze Neue Testament ist eine einzige gewaltige und vielstimmige Ostergeschichte. Jede Zeile des Evangeliums, jede Aussage der Briefe und der Schriften wurde im Licht von Ostern geschrieben. Die Gleichnisse Jesu sind nicht allgemeine Weisheitsregeln, sondern das Aufleuchten der neuen Welt Gottes. Die Bergpredigt ist kein neues ethisches Gesetz, sondern die Grundregel des Gottesreiches, das von Ostern her aufleuchtet.

 

Zu Ostern gehört das Lachen, weil es das Fest der Freude ist. In der mittelalterlichen Kirche gab es den Brauch des Osterlachens: Der Prediger hatte die Aufgabe, die Gemeinde am Ostermorgen durch eine menschenfreundliche Predigt, ja häufig durch derbe Spässe zum Lachen zu bringen. Sicher, da wurde wohl auch über die Stränge geschlagen und Schabernack getrieben, aber das war sicher: Das kräftige, hörbare Lachen gehört zu Ostern. Deshalb erzähle ich Ihnen jetzt auch einen Witz: «Wenn die Corona-Krise vorbei ist, mache ich mir erst mal ein paar ruhige Tage zu Hause!»

 

Aber uns bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn wir an die Bedrohungen durch den Corona-Virus, an Krankheit und an das Leid in so vielen Menschenleben denken. Ja, wir leben in einer Welt der Angst und auch des Todes.

 

Das erfuhr auch die erste Christenheit in ihren vielfältigen Bedrohungs- und Verfolgungssituationen. Ostern verkündet keine eingebildete fromme Traumwelt. Ostern ist nicht das Opium des Volkes, das billige Vertrösten über die leidvolle Welt hinweg. Christliche Ostererfahrung bewährt sich auch im Schweren und im Dunklen. In den Osterberichten der Evangelien weist der Auferstandene auf seine Wundmale hin. Der Auferstandene ist und bleibt auch der Gekreuzigte. Ostern ist nicht in Abkürzung zu haben, Ostern ist kein direkter Zugang zum Himmel. Der Osterweg ist der Weg mit dem gekreuzigten Christus: Der Weg durch Ausweglosigkeit, Trauer und Schmerz hindurch, der Weg der Hoffnung und der Weg des Lebens.

 

Wir haben es im Osterevangelium gehört: Ostern beginnt an einem Grab. Ostern fängt mit Weinen an, nicht mit Lachen: Maria aber stand draussen vor dem Grab und weinte. So realistisch, so irdisch beginnt Ostern. Und es würde bei diesem von Weinen geprägten Friedhofbesuch bleiben, wenn da nicht eine Stimme wäre, eine anteilnehmende Frage: «Frau, was weinst du? Wen suchst du?»

Was weinst du? Eigentlich keine Frage! An Gräbern weinen Menschen um ihr Liebstes und Kostbarstes, das ihnen der Tod genommen hat. Sie weinen um ihr eigenes Leben, das traurig und leer geworden ist. So geht es auch Maria aus Magdala; sie weint um Jesus. Ihm verdankt sie Sinn und Ziel ihres Lebens. In ihm hatte sie die Nähe und Liebe Gottes erfahren. Aber Hass und Gewalt hatten gesiegt. Jesus ist tot. Maria ist allein, allein mit ihren Tränen, allein mit ihrem Schmerz, allein mit der inneren Leere. Aber da ist eine Stimme: «Frau, was weinst du? Wen suchst du?» Eine Frage der Anteilnahme. Und Anteilnahme, Verbundensein in Gedanken und im Gebet, das kann schon viel bedeuten mitten in Leid und Trauer.

 

Was weinst du? Diese Frage ist für Maria aus Magdala der Anfang der Ostererfahrung. So begleitet die anteilnehmende Frage des auferstandenen Christus seine Menschen auch durch alle Jahrtausende: Was weinst du? Der auferstandene Christus sieht unsere Ängste, unsere Tränen, unsere Schwierigkeiten, unser Vermissen und Versagen. Unser verzweifeltes oder stilles Weinen ist ihm nicht verborgen. Vor ihm brauchen wir nicht zu tun, als könnten wir das Leben jederzeit meistern: «Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff». Wer Christus begegnet, der kann auch zu seiner Ausweglosigkeit stehen, zu seiner Angst, zu seinen Zweifeln. Wer Christus begegnet, der begegnet an der Scharnierstelle von Karfreitag zu Ostern der anteilnehmenden Frage: «Was weinst du?» Weinen …

·     Da ist das Weinen in Heimen und Spitälern angesichts von Krankheit, Einsamkeit und Ausweglosigkeit.

·     Da ist das Weinen angesichts zerbrochener Beziehungen,

·     vielleicht auch das Weinen darüber, dass man durch die Krise die Arbeit verloren hat und schlicht nicht mehr gebraucht wird.

·     Da ist das Weinen und Schreien der Kinder, Frauen und Männer in allen Nöten und Kriegen durch alle Jahrhunderte bis heute.

·     Hilflos stehen wir dem allem gegenüber.

 

Weinen - es begleitet uns vom ersten Lebensschrei bis zum letzten Seufzer. Aber es ist Einer, der es hört, der Anteil nimmt, einer der selber durch Leid und Not gegangen ist. Christus, der am Kreuz seine Verzweiflung herausgeschrien hat: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Markus 15,34). Er ist es, der nicht aufhört nachzufragen: «Was weinst du?»

 

Einer hört: Jesus. Das ist der Anfang von Ostern, ja, das ist Ostern. Das ist die Erfahrung von Maria am Grab mitten in ihrem Weinen. Und wie sie jetzt mit der anteilnehmenden Stimme ins Gespräch kommen möchte, da hört sie nur ein einziges Wort, welches alles verändert: Sie hört ihren Namen. Jesus sagt zu ihr: «Maria!» Das ist Ostern: Dass ich vom auferstandenen Christus her meinen Namen höre - und dies in Zeit und Ewigkeit als Wahrheit des Lebens, die mich hält und trägt. Mit Maria sind und bleiben wir alle vom Auferstandenen mit unserem Namen angesprochen.

 

 

Predigtgebet

 

Ostern, das Licht, das in unsere Welt hineinstrahlt, und trotzdem stehen viele im Schatten.

 

Gott, wir denken vor dir an die, die trauern und Abschied nehmen müssen, dass wir sie auf dem Weg ins Leben zurück unterstützen können.

 

 

 

Osterfreude bringt unser Herz zum Tanzen,

 

und trotzdem erreicht viele kein Lied.

 

Gott, wir denken vor dir an die, die durch die jetzige Krise krank werden und leiden. Wir denken an die, die gefangen sind in Schmerzen und Ängsten, dass wir ihnen mit Ausdauer beistehen und sie mit unserer Hoffnung tragen können.

 

 

 

Ostern, die Farbenpracht des erwachenden Frühlings leuchtet auf.

 

Und trotzdem trübt vielen ein grauer Schleier die Sicht.

 

Gott, wir denken vor dir an deine Kirche,

 

dass wir hinter Spinnweben und Staub deine Farbenpracht entdecken und dich bunt erleben und leben wie einen Regenbogen.

 

 

 

Wir kennen noch mehr Menschen,

 

welchen Licht, Töne und Farben fehlen.

 

Zu ihnen gehen unsere Gedanken.

 

Wir bitten für sie im Namen Jesu Christi.

 

Amen.

 

Daniel Winkler, Ostern 2020


Predigt zur Corona-Krise (2. Timotheus 1,7)

In der Informationsflut der vergangenen Tage und Wochen haben wir die unterschiedlichsten Geschichten zu hören bekommen: Tieftraurige Geschichten von Menschen, die einsam sterben, völlig abgeschottet von den Angehörigen und ohne Möglichkeit, würdig von ihnen Abschied zu nehmen. Beängstigende Prognosen, die einen Zusammenbruch des Gesundheitswesens wie in Italien voraussagen und eine lange Phase des Stillstandes sehen. Aber auch ermutigende Geschichten gibt es viele zu hören von Menschen, die sich selbstlos und vorbildlich für andere einsetzen. Eine grosse Hilfsbereitschaft zeigt sich. Es scheint, dass viel Gutes, das in uns Menschen schlummert, jetzt durch die Corona-Krise zum Vorschein kommt.
 
«Social Distancing», soziale Distanz wird uns verschrieben. Gemeint ist aber bloss körperlicher Abstand, denn die soziale Distanz verringert sich durch die grosse Solidarität, die sich jetzt zeigt. Einfühlsamkeit und Hilfsbereitschaft, die sichtbar werden, schaffen Nähe. 
 
Was in diesen Tagen passiert, lässt niemanden gleichgültig. Unsere Welt steht Kopf. Alle sind von den auferlegten Massnahmen in ihrem normalen Alltagsrhythmus gestört und betroffen. Angst breitet sich aus: Stecke ich andere an? Oder werde ich selber ein Opfer des Virus? Die vielen Todesfälle und die stumm trauernden Angehörigen erschüttern uns. Das Mitgefühl mit den Betroffenen ist dort am grössten, wo Einzelschicksale vor Augen geführt werden. Es berührt uns mehr als schwer fassbare Zahlen von Infizierten und Opferstatistiken. 
 
Auch Erschrecken ist da, dass ich in einer Welt lebe, die nicht heil ist, sondern in der völlig unvorhersehbare Katastrophen geschehen. Ich merke auch, wie mich die Vorstellung der unberechenbaren Naturgefahren, welchen der Mensch auch in einer zivilisierten Welt hilflos ausgeliefert ist, erschreckt. 
 
Und gleichzeitig wird mir bewusst, wie selektiv ich in meiner Wahrnehmung bin. Als vor sechs Jahren die Ebola-Krise in Afrika ausbrach, von welcher wir nicht direkt betroffen waren, die tausende von Menschenleben forderte und noch immer fordert, war die Anteilnahme der Weltöffentlichkeit nicht eben riesig. Es war eine weitere Krise, weit weg, die uns kaum beschäftigte, obwohl das Ebolavirus einer der tödlichsten Erreger ist, den die Natur kennt.
 
Anders das Corona-Virus. Es hinterlässt seine Spuren auf der ganzen Welt. Wenn es mich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder vor den Fernseher oder das Internet zieht, ist es dann aus dem Bedürfnis heraus, das Unfassbare besser zu fassen? Oder ist da nicht eine gehörige Portion Neugierde und Voyeurismus dabei? Und schliesslich komme ich mir fast unanständig vor, wenn ich erleichtert aufatme, weil ich merke: Von meinen Angehörigen und Bekannten hat es noch niemanden getroffen. Und im selben Moment, wo ich dies denke oder ausspreche, meldet sich gleich wieder die Angst, die sagt: Vielleicht weisst du es nur noch nicht! Und vielleicht lernst du demnächst Menschen kennen, die das nicht sagen können, die ganz unmittelbar davon betroffen sind.
 
Woher auch immer sich unsere Betroffenheit nährt, wie nahe oder wie fern uns Opfer und Angehörige von Opfern stehen, eines können wir alle an unseren Gefühlen ablesen: Wie viel Ungewissheit diese Katastrophe auslöst. Ungewissheit, wie es weitergeht und ob und wann sich unsere Welt wieder stabilisieren wird. Ungewissheit bei denen, die nicht wissen, was für eine Zukunft sie vor sich haben, da sie ihre Arbeit und Lebensgrundlage verlieren. Ungewissheit aber auch bei denen, die «nur» indirekt betroffen sind und die trotzdem nicht recht wissen, was sie denken und wie sie sich verhalten sollen. 
 
Ungewissheit ist schwer auszuhalten. Wie können wir unsere Gewissheiten zurückerhalten, unser inneres Gleichgewicht wiedererlangen? Vielleicht sollen wir sie gar nicht zu schnell wiedererlangen. Vielleicht hat die Erschütterung auch etwas Heilsames, indem sie Solidarität weckt, indem sie Kräfte mobilisiert und indem sie uns vor Augen führt, wie unendlich kostbar das Leben in seiner ganzen Zerbrechlichkeit ist. Für manche Gedanken sind wir, wenn wir erschüttert sind, eben empfänglicher als sonst, gerade auch für religiöse Gedanken und für Glaubensgewissheiten. 
 
Über ein Bibelwort, das in diesen Tagen häufig zu lesen ist, möchte ich in dieser Predigt nachdenken. Es ist ein Wort, das Halt schenkt in der Erschütterung und Trost mitten in allen Ungewissheiten: «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.» (2. Timotheusbrief 1, 7)
 
Was hat Gott mit dem Corona-Virus zu tun? Christinnen und Christen sehen in Gott den Ursprung und Schöpfer dieser Welt. Ist Gott nur der Schöpfer der Schönheit und des Guten? Sind alle Viren, Krankheiten, ja alles Leid Schöpfungen des Teufels? Ein verführerischer Gedanke, aber ein Trugschluss. Unser Leben lässt sich nicht scharf in Gut und Böse zweiteilen. Beides durchmischt sich in unserer Welt. Unsere Aufgabe ist es, das Gute, Schöne und Wahre zu fördern. Viren gehören nicht dazu. Wo sie letztlich ihren Ursprung haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Ich möchte nicht behaupten, sie kommen von Gott. Ich möchte aber auch nicht sagen, der Teufel habe sie in die Welt gesetzt. Diese Frage hilft uns nicht wirklich weiter. Als zerbrechliche Menschen sind wir in eine wunderbare und furchtbare Welt gestellt worden. Wir finden in ihr vollkommene Schönheit, aber ebenso abgründige Katastrophen und Rätsel, die sich nicht entschlüsseln lassen. Das sind Daseinsbedingungen, die uns vorgegeben sind und die wir akzeptieren müssen.
 
Was uns aber hilft, ist zu vertrauen, dass uns Gott in unserer Not nicht alleine lässt. Wir sind aufgefordert zu vertrauen, 

  • dass er uns hilft, stark zu werden in den Herausforderungen des Lebens,
  • dass er uns befähigt, seine Liebe in Form von Hilfsbereitschaft und Solidarität, in Form von Güte und Mitgefühl greifbar zu machen.
  • dass er uns immer wieder Wege zeigt, die aus der Dunkelheit des Elends ins Licht führen. 
Diese Hoffnung soll uns auch angesichts der weltweiten Corona-Krise stärken. Lassen wir uns nicht vom Geist der Angst lähmen, sondern machen wir Gottes Geist Platz: «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.»   Amen.
 

Predigtgebet

 

Gott, Quelle allen Lebens, wir sehnen uns nach deiner Gegenwart  in unserem Leben. Häufig können wir dich nicht spüren,  verstehen nicht,  warum wir uns so quälen müssen  mit unserer Angst und den Lasten des Alltags. Warum zeigst du dich uns nicht einfacher,  offensichtlicher? Schenke uns Zeichen deiner Gegenwart  und lass uns fühlen und erleben,  dass du durch deinen Geist bei uns bist,  durch den Geist der Kraft,  der Liebe  und der Besonnenheit. 


Gott, abgründiges Leid sehen wir in unserer Welt: Krankheiten - wie das Corona-Virus -,  die lauern und Menschenleben zerstören, Naturkatastrophen, die Menschen bedrohen, Flüchtlinge, die in vernachlässigten  Flüchtlingslager vergessen gehen, Kriege, die weiter wüten und kein Ende finden. Hilf uns, darauf zu vertrauen, dass es einen Ort gibt,  an dem kein Leid, kein Schmerz  und kein Geschrei mehr sein wird. Hilf uns, daran zu arbeiten,  dass bereits heute etwas  von dieser Hoffnung wahr werden kann. Amen

 

April 2020 / Daniel Winkler, Pfarramt I Riggisberg 2