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Predigt im September 2022: Bettag

 

Weshalb braucht es das Gebet?

 

«Das Gebet ist die Tür aus dem Gefängnis unserer Sorge» so schrieb der deutsche Theologe Helmut Gollwitzer im Hinblick auf die schlimmen Erfahrungen im 2. Weltkrieg und in der Kriegsgefangenschaft vor achtzig Jahren.

 

Das Gebet als eine Tür aus einem Gefängnis. Wir leben in schwierigen Zeiten. Und für uns alle gibt es Momente, in welchen wir uns eingeschlossen, eingesperrt fühlen in Ängste und Sorgen. Fragen beschäftigen uns:

 

- Wie entwickelt sich meine Gesundheit in der kommenden Zeit. Wird sie sich verbessern und werden die Schmerzen wieder abnehmen? fragen sich vielleicht einige von euch.

 

- Wird meine Schwester, mit der ich mich vor Jahren zerstritten habe, wieder zu Besuch kommen? Können wir uns wieder versöhnen oder wird der frühere Streit uns für immer trennen? Vielleicht gibt es Leute unter uns, die von solchen Sorgen herumgetrieben werden.

 

- Wird sich der Krieg im Osten Europas in den kommenden Monaten beruhigen oder werden neue Kriegsschauplätze entstehen?

 

- Oder die Drohkulisse bei der Energie, von der jetzt alles sprechen: Wird die Mangellage im Winter beim Strom, Gas und Öl tatsächlich eintreten? Werden wir tageweise im Dunkeln sitzen oder in der Kälte schlottern?

 

- Wird sich die Situation des Klimas noch weiter verschlechtern, oder schaffen wir es endlich, die nötigen Weichenstellungen vorzunehmen?

 

- Was wird unsere Kinder in der Zukunft erwarten?

 

Das Gebet zeigt uns einen Ausweg aus den Verstrickungen dunkler Ängste und nagender Sorgen. Der Weg der Stille, die Besinnung eröffnet uns neue, ungeahnte Möglichkeiten.

 

 

In einem Bibelwort heisst es: «So ermahne ich euch nun zuallererst, Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen darzubringen für alle Menschen.» 1. Timotheusbrief 2,1

 

Gebet ist nicht nur Bitten und Fürbitten, sondern auch Danken, sagt unser Bibelwort. Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist nicht nur ein Bettag, sondern auch ein Danktag. Danken, das Wort heisst im griechischen Urtext Eucharistia, und die Eucharistie ist das Abendmahl. Das Abendmahl also ist ein Danken. Wir danken, dass sich Gott uns schenkt, dass er sich in Jesus Christus zeigte, greifbar wurde und sich verständlich machte.

 

 

Danken, auch wenn uns das Klagen und Schimpfen häufig näher liegt. Der Dank ist eine Tür aus dem Gefängnis unserer Klage.

 

Aber ist die Klage etwas Negatives? Sie hat auch ihre Berechtigung. Das Psalmenbuch der Bibel enthält auch Klagepsalmen. Irgendwann aber braucht es einen Ausweg aus der Abwärtsspirale des Klagens und Schimpfens. Einmal sagte mir ein Mann im Wohnheim Schlossgarten, als ich ihn fragte, wie es ihm gehe: «Ig wott nid chlage, süsch lache numme die andere!» Ich schmunzelte und dachte bei mir, dass das sicher nicht die beste Art ist, mit eigenen Sorgen umzugehen, aber immerhin auch eine Mögliche.

 

Unsere Sorgen sind zahlreich – die persönlichen und die weltweiten. Wir sorgen uns heute um die Existenzsicherung oder sorgen uns um den Verlust des Erreichten und Erworbenen. Danken hingegen bricht die Macht der Sorge um das Leben. Das beginnt im kleinen Dank für das tägliche Brot und führt zum grossen Dank für all die Entfaltungsmöglichkeiten, die wir in der Schweiz haben, in einer Umgebung von Frieden und sozialer Sicherheit. Für die Menschen der Bibel war Danken die wichtige Tat gegen das Vergessen. Danken hilft das Gute, das Geschenkte wie auch das Erreichte, persönlich und gesellschaftlich nicht zu vergessen, sondern zu achten und zu bewahren.

 

 

Dankbare Menschen setzen sich auch dafür ein, dass andere Menschen etwas zu danken haben. So führt Dankbarkeit zur Verantwortung, zum Teilen und Helfen. Das Gebet ist die Tür nicht nur zu Gott, sondern auch zu unseren Mitmenschen.

 

Das Gebet für alle Menschen, heisst es in unserem Bibelwort. Aus der Stille und dem Gebet wachsen uns die Kräfte zu, die uns unsere Verantwortung für andere erkennen lassen. Das Gebet, der Weg zu Gott, ist immer auch der Weg zum Mitmenschen und zur Gemeinschaft.

 

Das zeigt sich besonders eindrücklich bei Niklaus von Flüe. Bruder Klaus ist einer der grossen Beter der Christenheit. Fast permanent soll er gebetet haben: «Gott verleihe uns eine selige Stunde zu leben und zu sterben, durch Christus, unseren Herrn.» Und gerade Bruder Klaus, der nach innen gerichtet lebte, hat in einer grossen politischen Krise der Eidgenossenschaft einen Weg gefunden, der zur Versöhnung führte und einen Krieg abwendete. Das Gebet ist also – hören wir es nochmals – nicht nur die Tür aus dem Gefängnis der eigenen Sorgen, sondern auch die Tür, die zur Verantwortung für die Gesellschaft und für das Gemeinwesen führt.

 

Was aber ist mit dem Busstag gemeint? Die Busse ist die Türe aus dem Gefängnis unserer Schuld. Und schuldig werden wir im Leben alle, im Kleinen wie im Grossen. Was soll jetzt aber dieses altmodische Wort «Busse tun» bedeuten? Busse tun schützt vor der Zerstörung des Lebens, und unser Dasein ist in verschiedener Hinsicht von Zerstörung bedroht. Busse tun ist eine selbstkritische Haltung, die uns dazu führt, uns abzukehren von all dem, was dem Leben schadet, und uns gleichzeitig hinzuwenden zu dem, was das Leben schützt und fördert. Menschen der Bibel sahen in der Busse einen ständigen Prozess der Neuorientierung. Sie durften dabei zugeben, sich geirrt zu haben, falsche Ziele verfolgt und Fehler gemacht zu haben. Die Möglichkeit zu einer solchen Einsicht und Reue öffnet den Weg zu neuen Lösungen und verspricht eine bessere Zukunft.

 

 

Das Beten verbindet uns mit dem Grund allen Lebens – mit Gott. Unser Leben bleibt trotz grösster äusserer Fülle innerlich häufig leer und unausgefüllt. Viele von uns erleben Sinnkrisen, und finden keine Antwort auf Schmerzen und schwere Lebensschicksale. Menschen der Bibel haben im Gebet einen Ort für beides gefunden, für die Klage und den Trost. Weil das Gebet mit Gott, dem Grund allen Lebens verbindet, ist es ein Ort, an welchem Sinn neu gefunden werden kann, und der uns Kraft zuführt für die Aufgaben, die das Leben uns stellt. Das Gebet ist eine Tür zum Leben hin! Das Gebet ist eine Tür, die uns ins Helle und Weite führt.

 

Amen.